Internationale Tagung: „Schlösser und Gutshäuser in der Ostseeregion. Komponenten einer europäischen Kulturlandschaft“

Ort und Projektpartner: Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald

Zeit: 3. bis 6. Oktober 2012

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Veranstalter: Caspar David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald, Bereich Kunstgeschichte, Prof. Dr. Kilian Heck, Lehrstuhl für Kunstgeschichte

Dass der Sinn für den Raum, in dem Geschichte sich ereignet, verloren gegangen ist, so dass nur die Dimension der Zeit übrig bleibt, beklagt der Historiker Karl Schlögel in seinem 2003 erschienenen Buch „Im Raume lesen wir die Zeit“. Schlögel möchte, dass der Blick wieder eher auf dauerhafte Strukturen und deren „raumprägende“ Wirkungen als allein auf das Ereignishafte der Geschichte gerichtet wird.

Diese Überlegungen Schlögels könnten als Ausgangspunkt des geplanten Symposions dienen, sind doch die nachmittelalterlichen Schlösser und Gutshäuser bis in die Gegenwart ein zentraler Bestandteil der Kulturlandschaft der Ostseeregion. Sie verteilen sich heute über insgesamt zehn Staaten (Deutschland, Polen, russische Region Kaliningrad, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark), von denen acht Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft sind. Im geplanten Symposion sollen die in diesen Ländern gelegenen Schlösser und Guthäuser ab der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, demnach für den Zeitraum von etwa 1500 bis 2000 untersucht werden. Die Relevanz des Themas wird allein an der Zahl der Schlösser und Gutshäuser deutlich, die, bezogen auf die genannten Staaten, bei deutlich mehr als zehntausend Anlagen liegen dürfte.

Ziel des Symposions ist es, für das Thema ausgewiesene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den genannten Staaten nach Greifswald einzuladen. Neben architektonischen Untersuchungen werden besonders auch die Geschichte und Kulturgeschichte der Anlagen in den Vordergrund gerückt. Darüber hinaus soll untersucht werden, welche funktionalen, soziologischen und politischen Unterschiede zwischen einzelnen Herrensitzen des Landadels innerhalb der einzelnen Staaten bestehen. Auch die Zusammenarbeit der verschiedenen am Bau beteiligten Architekten und Künstler sowie die Innenausstattung der Räume werden Gegenstand der Untersuchungen sein. Übergreifend soll die Frage diskutiert werden, ob es eine transkulturelle Kunstgeschichte der Herrenhäuser und Schlösser im Ostseeraum gibt. Nicht zuletzt soll auch erörtert werden, welche historischen kulturellen Aktivitäten sich an den Orten nachweisen lassen. Solche konnten etwa in zeremoniellen Begebenheiten wie Besuchen der jeweiligen Landesherren auf dem politischen, oder aber in Konzerten und Dichteraufenthalten auf dem künstlerischen Sektor bestehen.

Eine exakte definitorische Trennung zwischen von Dynasten bewohnten und daher terminologisch als Residenzen oder Schlösser zu bezeichnenden Wohnsitzen und solchen des landsässigen Adels, die als Guts- oder Herrenhäuser angesehen werden, lässt sich aufgrund unterschiedlicher Definitionen in den einzelnen Staaten nicht durchführen. Dennoch liegt der Schwerpunkt des Symposions eher auf Wohn- und Wirtschaftsbauten des niederen und mittleren Adels.

Die Ausdehnung des Untersuchungszeitraums bis ins 20. Jahrhundert dient dazu, die insbesondere bei den südlichen Ostseeanrainerstaaten vorhandenen, politisch-sozialen Umwälzungen nach 1945 zu erfassen, um dadurch Rahmendaten für künftige Nutzungskonzepte für viele dieser Objekte zu gewinnen. Mit diesem Ansatz wird angestrebt, bei Akteuren bereits laufender lokaler Projekte zur Revitalisierung von Gutsanlagen das Interesse für eine künftige übergreifende wissenschaftliche Untersuchung zu wecken. Die Wege zur Rettung des Erbes sollen an bereits praktizierten und neuen Konzepten unter den Aspekten der Denkmalpflege, Wirtschaftlichkeit und Förderungsmöglichkeiten diskutiert werden. In diesem Zusammenhang werden auch die Möglichkeiten datenbankgestützter Erfassung und digitaler Rekonstruktion angesprochen.

Es sollen insbesondere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Disziplinen Kunstgeschichte und Geschichte, aber auch Musik-, Literatur- und Kulturwissenschaften sowie Geographie eingeladen werden. Selbstverständlich sind auch Denkmalpfleger, Restauratoren sowie private und institutionelle Besitzer willkommen Bei der Fächerwahl ist auf die jeweils unterschiedlichen nationalen Kontexte und Wissenschaftstraditionen zu achten.

Das Symposion besitzt durchaus Pilotcharakter, weil hier erstmals versucht wird, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer international ausgerichteten Tagung in Greifswald zusammenzuführen, deren Forschungen zu diesem Thema bislang eher isoliert geblieben sind, da sie nur im nationalen Kontext rezipiert und wahrgenommen wurden. Das Symposion soll die wissenschaftliche Grundlage für ein längerfristiges Forschungsprojekt zur Thematik liefern, das an der Universität Greifswald angesiedelt sein soll.